Konsens ist fucking sexy!

„Nein heißt Nein!“ Diesen Satz musste ich im letzten Jahr erstaunlich oft sagen. Was noch viel schlimmer ist: Ich musste ihn nicht nur einmalig sagen, sondern bei manchen Männern auch mehrmals. Ja, auch am selben Tag. In der selben Stunde. „Nein. Heißt. Nein!“ Niemand dieser Bekannten ist danach zwar den letzten Schritt gegangen. Aber selbst mein ausdrückliches(!) Nein wurde viel zu oft ignoriert. Nicht ernst genommen. Dabei ist Konsens nicht nur fucking sexy. Sondern er sollte der absolute Standard sein. Und die Popkultur? Was machen unsere liebsten Serien, Filme und Bücher daraus?

Konsens ist in der Popkultur Mangelware

Leider wenig. Kürzlich las ich den Comic „Im tiefen, tiefen Wald“ von Carmen Maria Machado. Eine Szene hat mich fast umgeworfen. (Ich lag im Bett, wohlgemerkt. Da ist Umwerfen von Natur aus schwierig.) Der Grund: Eine Frau fragt ihre Freundin, ob eine sexuelle Handlung okay sei.

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Ich meine: Dass mich etwas, das eigentlich Standard sein sollte, so positiv schockiert, ist schon bezeichnend genug. Viel zu oft sieht man an beliebten Pärchen, dass Konsens gar nicht sein muss. Da schleicht ein Edward Cullen nachts in das Zimmer des Mädchens, das er scharf findet, um sie beim Schlafen zu beobachten. Da fordert ein Spike in Buffy von selbiger einen Liebesbeweis – durch Vergewaltigung. Da setzt sich eine Daphne über einen zurückgezogenen Konsens hinweg, um ihren Mann zu vergewaltigen. Das sind nur drei von unzähligen Beispielen nicht nur ferner, sondern auch jüngster Vergangenheit. Dass hier auch eine Frau als Täterin genannt wird, ist übrigens Zufall. Tatsächlich sind es meistens männliche Figuren, die drängen, forcieren, ignorieren.

Konsens: Zustimmung. Alle Beteiligten stimmen, nonverbal oder verbal, dem zu, was beim Sex passiert. Ein Konsens erfolgt nicht, wenn die Person unter Drogeneinfluss steht, schläft, in einem Abhängigkeitsverhältnis steht oder bedroht wird.

Eine Romanze erfordert das Verlangen des Mannes. Das der Frau ist nur sekundär.

In der Popkultur gilt Drängen als romantisches Hofieren. In Grey’s Anatomy setzt sich McDreamy über das vielfache Nein der Protagonistin hinweg, nur, um sie später doch noch zu heiraten. Dargestellt wird so etwas in der Popkultur als erstrebenswerte Romanze. Die Frau, die erobert wird. Der Mann, der erobert.

And it shows. In meiner Singlezeit galt mein Nein als nichtig. Es wurde versucht, sich zu nehmen. Mein Nein – ob verbal oder nonverbal war übrigens von unerheblicher Bedeutung – war dann nicht mehr als ein romantisches Hindernis. „Ich kriege sie schon.“ Und das sieht man in Filmen und Serien oft genug, liest es in Büchern. Game of Throne’s Daenerys verliebt sich in ihren Vergewaltiger und bleibt längst nicht das einzige Beispiel in der Fantasy, weshalb ich diesem Thema einen eigenen Artikel widmen werde.

Fehlender Konsens ist übrigens Vergewaltigung. Und ein „Nein“ zu akzeptieren macht niemanden zum edlen Ritter. Es ist, wie mehrfach gesagt, Standard. Das absolute Minimum.

Gibt es denn positive Beispiele in der Popkultur?

Aber ja, auch wenn es nur wenige sind! „Im tiefen, tiefen Wald“ ist da nur das jüngste Beispiel, aber dafür ein sehr schönes. Auch Disney scheint es mehr und mehr zu integrieren: Kristoff etwa fragt in „Frozen“ etwas beschämt nach, ob er Anna küssen darf.

Eine besondere Szene zeigt die Netflix-Serie „One Day At A Time„. Nicht nur wird Konsens erklärt, sondern auch gleich ein kleiner Rundumschlag getätigt; Schuld an Vergewaltigungen sind nicht die Opfer, sondern die Täter*innen. Es gibt nicht nur „ja“ sondern auch „JA!“. Für diese Szene jedenfalls gibt es von mir definitiv ein „enthusiastisches Ja‘.

Konsens ist sexy

Nach Erlaubnis zu fragen klingt unsexy, das sagen viele Männer, die sich vordergründig um die Erotik sorgen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Mit der beste Sex, den ich jemals hatte, hatte ich mit einem Mann, der um Erlaubnis gefragt hat. Glaubt ihr denn wirklich, man stellt sich plötzlich hin, zückt Pergament und Schreibfeder und ruft: „DÜRFTE ICH UM EURE ERLAUBNIS BITTEN O HOLDE MAID?!“ Nope. Es ist ebenso Teil von Erotik und positiver Verführung wie alles andere auch. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und niemand erwartet, dass man gleich der beste Liebhaber oder der beste Konsensfrager ist. Aber ihr wollt doch gute Liebhaber*innen sein, oder? Dann macht auch was dafür.

Die Frage nach dem Konsens war bei besagter Erfahrung übrigens hocherotisch. Es geht also. Weiß ich aus Erfahrung. Ganz nebenbei ist das auch von anhaltender Dauer. Bei wem fühlt man sich wohl langfristig wohler? Bei jemandem, der*die die Grenzen nicht 100%ig respektiert? Oder bei jemandem, der*die consensual sexual ist?

Star Treks Riker übrigens hat trotz seines Standards häufig Sex. Sehr häufig. Das als weiteres Gegenargument dafür, dass um Erlaubnis Bitten nicht zu einem sexy männlichen Charakter gehören kann. In der dritten Staffel etwa möchte er nicht mit einer Frau schlafen, die keinen eigenen Willen haben kann.

Und was, wenn der Konsens zurückgezogen wird?

Angenommen, man befindet sich mitten im Vorspiel. Mindestens ein Ja wurde bis hierhin also gegeben. „Kann ich jetzt machen was ich will?! Gilt das Ja jetzt für immer und immer immer?!?

Es kann immer passieren, dass man sich etwas anders überlegt. Sei es in schlimmster Form ein Trigger und in bester einfach eine Laune, man kann auch einfach mal die Lust auf Sex verlieren. Mittendrin. Vielleicht ist es einem doch zu unangenehm, man hat nochmal nachgedacht oder man fühlt sich nicht mehr so gut/wohl. Egal weshalb, ein einmal gegebener Konsens ist kein Dauervertrag.

Thelma und Louise von 1991 zeigt uns, dass auch ein Innehalten, wenn man sich des Konsens‘ nicht sicher ist, die Erotik nicht gleich tötet. Ganz im Gegenteil.

Die Szene auf Youtube ansehen

Hier befinden sich die beiden Protagonist*innen in einvernehmlichem Vorspiel, nonverbal wird deutlich, dass es beiden gefällt. Als sie dann noch innehält und ihn bittet zu warten, tut er auch genau das. Ohne nachzufragen, ohne anzuzweifeln. Und das ist okay. Er drängt nicht. Sie sagt zwar nicht Nein, hätte es aber tun können.

Ähnlich sieht es bei Scott Pilgrim vs. The World aus. Hier nimmt sie ihr Ja jedoch entschieden zurück. Ohne Grund, einfach, weil sie den Sex einfach nicht mehr möchte.

Die Tatsache, dass diese Möglichkeiten überhaupt gezeigt werden, sind wesentliche Schritte in Richtung Akzeptanz. Ach, dass ich das Wort „Akzeptanz“ in diesem Zusammenhang überhaupt schreiben muss.

Das „Konsens-Konzept“ ist ales andere als ein Lustkiller. Es ist ein Lustförderer. Das heißt nicht, dass die Art, wie er gegeben oder erfragt wird, nicht daneben laufen kann. Kann ein Kuss auch und Küsse werden auch nicht gemeinhin als Lustkiller bezeichnet.

Zusammengefasst

  • Ein Nein kann verbal oder non-verbal (Hand wegschieben, Kopfschütteln, Wegdrehen…) erfolgen
  • Ein Ja kann ebenso verbal und non-verbal sein
  • Ein „Vielleicht“ ist ein Nein
  • Ein Nein kann nicht angezweifelt oder ignoriert werden
  • Ein Ja kann bei Drogeneinfluss oder Abhängigkeitsverhältnis nicht gegeben werden
  • Ein Kompromiss ist kein Ja
  • Konsens ist sexy!

Ich wünsche mir mehr solcher Konsens-Szenen. Ich wünsche mir mehr Figuren, deren Akzeptanz eines „Nein“ Standard und kein heldenhafter Charakterzug ist. Wünsche mir, dass im allgemeinen gesellschaftlichen Verständnis nicht mehr jene*r Schuld eines Übergriffes hat, der*die kein klares Nein von sich gegeben hat. Sondern jene*r, der*die nicht nach Konsens gefragt hat.

Jemand, dem meine Zustimmung egal ist, kommt mir nie wieder ins Bett.


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